Heimatgedichte von Nikolaus Balzer
Triebswetter
Der
Flieder
Viele
Stücke Heimat
Unter
den Akazien
Das
Land ist flach, gerade Straßen streben
der
Mitte zu, die eine Kirche ziert;
ringsum
in Gärten blühen Bäume, Reben,
im
steten Wachsen sich dein Blick verliert...
Das
Bild wird klarer: Ein azurner Himmel
wölbt
schützend sich darüber, und im Mai
entsteht
in allen Ecken ein Gewimmel -
der
Weg in Feld und Flur ist wieder frei...
Sanft
säuseln Winde in der warmen Heide,
und
üppiger gedeiht das zarte Grün,
bis
alle Äcker, Gärten wie Geschmeide,
entfacht
durch rege Sonnenglut, erblühn.
Noch
glühender danach die Sommertage,
und
Kühlung bringt kaum eine kurze Nacht.
Doch
hält sich alles in dem Land die Waage,
der
Mensch vertraut auch hier auf Gottes Macht.
Der
Herbst verwöhnt uns Jahr für Jahr mit Gaben,
für
jeden steht wie sonst etwas bereit.
Und
über alles fühlst du dich erhaben,
du
meinst, es dauert eine Ewigkeit...
Doch
ach, wie schnell hast du dies Bild vergessen,
wenn
dich der Glanz der fernen Welt betört!
Sofort
verläßt du das, was du besessen,
verläßt
die Heimat, die nur dir gehört...
Oft
scheint uns so, als würden wir noch immer
wie
einst durch die vertrauten Gassen ziehn
und
lauschen nachts im goldnen Mondenschimmer
verzückt
den heimatlichen Harmonien!
Ich
such dich, Heimat, schon seit vielen Jahren:
die
Menschen, deine Wärme, deinen Duft -
ich
weiß, ich werde dich nie mehr gewahren,
zu
tief ist zwischen Einst und Heut die Kluft!
Das
Land war flach, darin ein schmucker Flecken;
dort
habe ich das Licht der Welt erblickt.
Es
ist vorbei; ich stelle fest mit Schrecken,
daß
er uns fürderhin nicht mehr erquickt...
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Einst
stand ein Flieder in der Ecke
des
Gartens neben unsrem Haus;
ihn
schützte keine hohe Hecke,
er
spendete so manchen Strauß.
Das
Schimmern violetter Blüten
drang
gar durch die mondhelle Nacht...
Und
welchen Duft sie stets versprühten!
Er
stand im Mai in voller Pracht.
Geringer
wurden alle Sorgen,
wenn
ich in seiner Nähe war;
ich
fühlte mich bei ihm geborgen -
so
neigte sich gar manches Jahr!
Doch
plötzlich war dies Band zerrissen,
als
man uns über Nacht getrennt;
ich
mußte meinen Flieder missen,
erfuhr,
daß nichts wie Abschied brennt...
Seitdem
ist manches Jahr vergangen,
vergessen
habe ich ihn nicht,
ich
seh' ihn noch im Garten prangen,
wie
er durch Blütenflor besticht...
Wenn
ich etwas von Flieder höre,
denk'
ich gleich an mein Elternhaus,
weiß
nicht mehr, wo ich hingehöre,
mich
zieht's an jenen Ort hinaus...
Denk'
ich an meiner Kindheit Stätte,
fällt
mir sofort der Flieder ein,
den
ich so gerne auch hier hätte,
dann
wäre er nicht mehr allein...
Vielleicht
steht jetzt in jenem Garten
ein
andrer Baum, der mir nicht wert.
Dem
alten Flieder hat das Warten
auf
uns nichts Gutes mehr beschert...
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Ich
trage viele Stücke Heimat lange
schon
überall herum und weiß noch nicht,
was
ich in nächster Zeit damit anfange,
denn
zu oft nehmen sie mich in die Pflicht.
Wohin
ich trostlos auch die Schritte lenke,
ein
Bild vergangner Tage wird dort wach,
und
ehe ich die Lage ernst bedenke,
bricht
über mich herein das Ungemach.
Ganz
frisch sind mir die Bilder im Gedächtnis,
sie
nehmen Jahr für Jahr an Schärfe zu:
ein
Teil der wahren Heimat - ein Vermächtnis,
das
läßt fortan mich nirgends mehr in Ruh.
Wen
wird es wundern, daß ich beim Vergleichen
mit
dem, was ich erlebte seinerzeit,
das
andre fader finde - es muß weichen...
Wer
das nicht anerkennt, der tut mir leid!
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1
Mit
neunzehn begann ich ein neues Leben,
ließ
Schulzeit und Aufgaben hinter mir,
den
Ort auch, der jahrelang mich umgeben,
zog
schon durch die Lande als Passagier...
Ich
war endlich frei von den ganzen Zwängen,
genoss
es – so sollte es immer sein!
Selbst
einiger Pflichten, die dich beengen,
entledigte
ich mich – das war nicht fein!
Die
Strafe ereilte mich in der Ferne:
Ich
saß oft allein an dem Tisch und schrieb,
gedachte
vergangener Tage gerne,
wie
war mir die Heimat auf einmal lieb!
Ich
sehnte mich so nach den trauten Plätzen,
die
ich seit drei Monaten nicht mehr sah...
Nichts
konnte mir diesen Verlust ersetzen...
Die
Stunde der Rückkehr war schließlich da!
2
Ich
lief durch die Straßen, begrüßte die Leute,
so
manche Bekanntschaft ich dankbar erneute...
Das
Schönste jedoch war ein fröhliches Fest,
das
gab dem unbändigen Treiben den Rest!
Ich
sollte der Hochzeit von Freunden beiwohnen,
bei
Jubel und Frohsinn und Tanz mich nicht schonen!
Als
Partnerin, wie es so Brauch war im Ort,
bekam
ich ein Mädchen – das war lange fort.
Als
ich sie am Tag der Vermählung erblickte,
mein
Blick sich in stilles Bewundern verstrickte...
Wir
steckten uns Rosmarinsträußchen ans Hemd
Und
fühlten uns bald überhaupt nicht mehr fremd...
Im
Zug der Geladenen schritten wir munter
zum
Bräutigam heim die Dorfstraße hinunter,
geleiteten
diesen zum Hause der Braut –
der
Weg war ihm übrigens sehr vertraut...
Wir
froren zwar so wie die Braut bei der Kälte,
doch
schien es, als ob uns das Glück auch beseelte...
Danach
ward das Paar vor den Priester gebracht,
die
Trauung vollzogen – nun war es vollbracht!
Der
Glückwünsche konnten sie sich kaum erwehren –
als
Brautpaar mag man sie auch nicht entbehren...
Wir
zogen dann alle zum Gasthaus zurück,
zu
feiern das eben besiegelte Glück.
Ich
wechselte mit meiner Dame manch Worte
und
heimliche Blicke an jedwedem Orte...
Nach
einem Glas Wein in dem gastlichen Saal,
da
trennten wir uns bis zum festlichen Mahl.
Da
wir uns für später verabredet hatten,
ging
unsere Rückkehr nicht zügig vonstatten:
Wir
scherzten und neckten uns, blieben oft stehn
und
merkten nicht, wie die Minuten vergehn...
Wir
kamen als Letzte ins Gasthaus und fanden
noch
Platz auf der Bühne vor schönen Girlanden.
Die
Musiker taten bereits ihre Pflicht,
das
störte uns aber dahinter jetzt nicht.
Wir
setzten uns Auge in Aug‘ gegenüber
und
freuten uns eigentlich beide darüber,
denn
jeder von uns sah den andern vor sich –
mein
Blick nicht mehr von ihrem Antlitze wich!
Wir
naschten nur an den erlesenen Speisen
sowie
an dem Backwerk, um das wir sonst kreisen.
Das
Auge, nichts anderes, schien ungestillt –
wir
tränkten es stet mit des anderen Bild...
Am
Brauttanz beteiligten wir uns desgleichen
und
konnten das Scherflein dem Paar überreichen.
Doch
machte der Tanz mit der Holden mehr Spaß,
indem
ich den Festsaal mit ihr oft durchmaß.
Und
unsere Blicke, die kreuzten sich ständig...
Die
Menge im Saal war beim Tanz sehr lebendig.
Ich
sah nur ihr wallendes schwarzbraunes Haar
und
merkte nichts von alldem, was sonst noch war.
Die
Welt, die ich in ihren Blicken entdeckte,
Verlangen
und Sehnsucht danach in mir weckte...
Ich
habe zu tief ihr ins Auge gesehn:
Es
gab kein Zurück mehr, um mich war’s geschehn!
Wir
waren, so schien’s, füreinander geschaffen –
vielleicht
ließ die lockere Bande sich straffen?
Sie
war mir gewogen – ich ihr noch viel mehr;
dass
das immer so bleibe, wünscht‘ ich mir sehr!
Wir
tanzten mit Gästen auch, doch nicht zu lange,
und
fanden uns wieder, uns wurde nicht bange:
Im
Arme des anderen winkte das Glück,
so
kehrten wir stets zueinander zurück!
Ich
konnte die Blicke nicht mehr von ihr wenden
und
keinen Gedanken an andres verschwenden –
die
seligsten Stunden verbracht‘ ich mit ihr,
erkannte
auch, dass es ihr ging so wie mir.
Ich
konnte in Worte das Ganze nicht fassen,
sie
reichten nicht aus, um all das zu erfassen,
was
ich tief im Innern für sie jetzt empfand –
die
Sprache war dafür kein passend Gewand!
Wir
tanzten und ruhten auch bis in den Morgen,
kein
Schauder der Seligkeit blieb uns verborgen...
Am
Ende verließen wir alle den Saal
und
brachten die Braut heim mit ihrem Gemahl.
Ich
habe auch sie dann nach Hause begleitet,
der
Abschied von ihr hat mir Kummer bereitet:
Die
Botschaft der Blicke ist zwar sehr beredt,
doch
schneller als Worte vom Winde verweht...
Ich
konnte am Ende die Worte nicht finden,
denn
diese nur konnten uns weiter verbinden...
Hielt
Umsicht mich ab von dem vorschnellen Wort?
Vielleicht
war’s zu früh? Nicht am passenden Ort?
Dies
Band, noch so zart, ist zu schnell hier zerrissen,
ich
musste sie nun viele Monate missen!
Zurück
blieb die quälende Ungewissheit:
Hat
uns diese Trennung für immer entzweit?
Denn
schon tags drauf ging’s in den rauhen Nordosten,
dort
stand ich ab jetzt auf verlorenem Posten!
Ich
stapfte zum Bahnhof durch kniehohen Schnee;
ich
merkte, der Abschied tat diesmal so weh!
3
Die
Heide dampfte schon am Morgen,
mein
Fahrrad wühlte auf den Sand:
Ich
hatte etwas zu besorgen
und
deshalb fuhr ich über Land.
Der
Bäume grüne Giebel flogen
an
meinem muntren Blick vorbei,
die
Sonne war mir auch gewogen,
vom
Himmel klang es wie Schalmei...
Vorbei
ging es an Weizenfeldern,
Melonen,
Hafer, Tabak, Mais,
Kanälen,
Brücken, kleinen Wäldern –
die
Eile kostete viel Schweiß!
Am
Straßenrand die Maulbeerbäume
geleiteten
mich bis zum Ziel.
Erfüllen
sollten sich die Träume,
die
mir bedeuteten so viel!
Sie
wollte ich jetzt wiedersehen
nach
einem langen halben Jahr,
sogleich
ihr aufrichtig gestehen,
wie
einsam ich so lange war...
Doch
scheiterte dies Unterfangen
zunächst
an einer Widrigkeit:
Wo
stand ihr Haus? Wie hin gelangen?
Darüber
wusst‘ ich nicht Bescheid...
Ich
hoffte trotzdem, sie zu finden
an
einer Straßeneck‘ im Ort,
vielleicht
auch unter jenen Linden,
vor
jener schmucken Kirche dort...
Ich
fuhr durch Straßen, kehrte wieder,
umsonst,
ich fand sie diesmal nicht...
Am
Ende schmerzten zwar die Glieder,
doch
war ich voller Zuversicht!
Ich
wollte keine Mühe scheuen,
fuhr
öfter hin, bis ich sie sah!
Ich
musste schließlich nichts bereuen:
Das
Glück schien plötzlich greifbar nah!
Ich
hab‘ ihr so viel sagen wollen,
doch
mir fiel überhaupt nichts ein!
Wie
hätte ich dies äußern sollen?
Ich
fühlte mich da so allein...
Wir
fuhren heim zu ihr und blickten
uns
an bei einem kühlen Trank;
und
meine Worte, sie erstickten,
und
meine Hoffnung, sie ertrank...
Gespräch
kam nicht so recht zustande,
weil
ich die Hauptsache verschwieg. –
Zurück
fuhr ich bald über Lande:
Vielleicht
war’s doch ein kleiner Sieg...
Die
Einsicht ist recht bald gekommen:
So
konnte es nicht weitergehn!
Davon
war ich zunächst benommen,
doch
musst‘ es trotzdem mal geschehn!
Ihr
Auftritt kam mir sehr gelegen:
Sie
zeigte sich in unsrem Ort!
Ich
wollt‘ sie unentwegt umhegen
mit
manchem liebevollen Wort...
Ich
hoffte, dass sie diesmal lange
in
unsrer Mitte weilen wird:
Da
kam bestimmt etwas in Gange...
Hätt‘
ich mich doch nicht so geirrt!
Sie
war zwar da, in meiner Nähe,
doch
oft mit andern unterwegs.
Ich
wünschte, dass ich sie bald sähe,
doch
dies gelang mir keineswegs.
Die
Hoffnung hatt‘ ich schon begraben,
als
sie auf einmal vor mir stand –
ich
wollte Spaß am Abend haben,
als
ich bei einem Treff sie fand...
Wir
scherzten, tanzten miteinander,
die
Zeit blieb stehen, wie es schien;
wir
fanden wieder zueinander
bei
hinreißenden Melodien...
Ich
durfte sie nach Haus begleiten
durch
die beseligende Nacht,
ich
sagte ihr manch Artigkeiten,
an
die ich vorher nie gedacht...
Der
Abschied ließ sich nicht vermeiden,
wir
standen unentschlossen da,
ich
wollte nicht mehr von ihr scheiden,
ich
wusste nicht, wie mir geschah!
Wir
standen bei Akazienbäumen –
sie
schienen wieder zu erblühn;
ihr
Duft, der brachte mich zum Träumen,
ließ
meine Leidenschaft erglühn...
Warum
ich ihr nichts davon sagte,
sie
endlich in die Arme schloss?
Ich
fürchtete, sofern ich’s wagte,
dass
sie mein Ungestüm verdross...
Am
Ende musste sie doch gehen.
Sie
winkte mir noch einmal zu,
im
Dunkeln konnte ich’s noch sehen –
seit
damals find‘ ich keine Ruh!
Sie
war am nächsten Tag verschwunden,
nie
wieder hab‘ ich sie gesehn,
ich
konnt‘ nicht ihre Welt erkunden
und
konnte mich nicht mehr verstehn!
Kein
Bild von ihr! Nur eine Karte,
die
bloß Belangloses enthielt
und
die ich seither aufbewahrte
und
oft in meinen Händen hielt...
Hat
sie je etwas mitbekommen,
was
mich im Innersten bewegt?
War
ich ihr stets auch so willkommen? –
Das
hat einst mein Gemüt erregt!
4
Leider
ging der Sommer bald zu Ende.
Nichts
mehr konnte ich von ihr erfahren,
ihr
nicht meine Neigung offenbaren:
Sie
blieb aus, die angestrebte Wende!
Bald
darauf hat sie das Land verlassen,
ihm
für immer Lebewohl gesagt.
Mir
blieb jede Möglichkeit versagt,
ihr
zu folgen, nichts zu unterlassen...
Immer,
wenn ich was von ihr erfuhr –
nichts
von Wichtigkeit ist mir entgangen -,
sah
ich die Akazienblüten prangen,
aber
ich allein genoss sie nur...
Und
ihr Duft ließ mich oft an sie denken,
dass
sie sicher nichts mehr von mir weiß...
Ihr
gibt er von damals nichts mehr preis,
dacht‘
ich, kann sie nicht wie mich beschenken...
Unvermutet
trat sie hin vor mich
fast
nach einem halben Menschenleben...
Diesmal
fiel es ihr leicht zuzugeben,
damals
habe sie geschwärmt für mich...
Also
doch! Ich konnte das nicht fassen:
Die
Vergangenheit brach plötzlich auf,
Stück
für Stück kam alles jäh herauf,
was
die Jugendzeit mir hinterlassen...
Unter
den Akazien in der Heide
habe
ich einst meinen Schatz verloren!
Alles
wurde so heraufbeschworen:
Unterm
Schmerz der Trennung litten beide...
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